22.09.2011, Stadt-Anzeiger Süd HAZ/NP: »Die Üstra kriegt die Kurve nicht«

22.09.2011 · Kommentare 0

Die Üstra kriegt die Kurve nicht

Quietschen und Kreischen – Stadt­bahnen verursachen an der Freund­allee im Stadt­teil Bult häufig einen höllischen Lärm.

Von Michael Zgoll

Das schrille Kreischen von Metall auf Metall, wenn Stadtbahnzüge enge Kurven durchfahren, ist ein Problem, das so alt ist wie Straßenbahnen in der Stadt. Jüngst beschwerte sich ein Anwohner aus dem Stadtteil Bult beim Stadt-Anzeiger, dass das Quietschen an der Einmündung der Freundallee in den Bischofs­holer Damm – hier verkehrt die Linie 6 zwischen Nord­hafen und Messe/Ost – in den vergangenen anderthalb Jahren unerträglich laut geworden sei. Die galligen Vergleiche mit den „Klängen einer rachitischen Glasharfe“ oder „heulenden Derwischen des Morgenlandes“ deuten darauf hin, dass Gunter Hartung seinen Humor noch nicht gänzlich verloren hat. Doch die „furchtbaren Frequenzen“ würden ihm und vielen Nach­barn – darunter auch etliche Bewohner des nahen Alten­pflege­heims der Gustav Brandt’schen Stiftung – oft den letzten Nerv rauben. Die Üstra aber kann den Anliegern wenig Hoffnung machen: Auch wenn sich das Nahverkehrsunternehmen nach Kräften mühe, die kreischigen Töne zu minimieren, seien typische „Betriebs­geräusche“ in Kurven wie an der Freundallee nicht zu vermeiden.

Das Allheilmittel „Schmieren“, so Üstra-Sprecher Udo Iwannek, sei für dieses „Sorgenkind“ im Stadtteil Bult nicht tauglich. Eine automa­tische Schmieranlage, wie sie in 46-facher Ausführung im hannoverschen Stadtgebiet zu finden sei, könne am Eck von Freundallee und Bischofs­holer Damm nicht installiert werden, weil sie aus dem Gleiskörper hinausragen und ein gefährliches Hindernis für Auto- oder Zweirad­fahrer bilden würde. Doch wegen der Autos und Radfahrer sei es noch nicht einmal möglich, die Gleise in der Kurve per Hand zu schmieren. „Bei einem straßenbündigen Gleiskörper“, erläutert Iwannek, „würde sich der relativ feste Schmier­stoff auf dem Asphalt verteilen und eine hohe Rutsch­gefahr für Autos oder Motorrad­fahrer bedeuten.“

Die einzige Möglichkeit, den Lärm an dieser Ecke zu reduzieren ist nach Auskunft Iwanneks ein Abschleifen der Gleise mit Hilfe eines Spezial­fahrzeugs. Da dieser Versuch, die Reibung zwischen Gleis und Rad zu verringern, aber auch mit erheblichem Lärm verbunden sei, praktiziere die Üstra dies nur in größeren Zeitabständen. Die Beobachtung von Anwohner Hartung, dass es Tage gebe, an denen die Kreischtöne sehr laut seien, während es an anderen Tagen relativ ruhig sei, führt Iwannek auf die Einflüsse des Wetters zurück: „Bei Trockenheit tritt das Quietschen tatsächlich häufiger und deutlicher auf als bei Nässe.“

Der Vermutung von Gunter Hartung, dass ein zu enger Kurven­radius Ursache des Radaus vor seiner Haustür sei, widerspricht die Üstra. Der Radius an der Einmündung Freundallee betrage 40 Meter, so Iwannek; es gebe aber etliche Punkte im Stadtgebiet, wo der Radius sogar nur 25 Meter betrage. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit für Bahnen an dem neuralgischen Punkt im Bult-Viertel betrage 20 Kilometer pro Stunde; ein noch langsameres Tempo würde das schrille Quietschen nicht verhindern, sondern höchstens verlängern.

Dass die grünen Stadtbahn­züge älteren Baujahrs lärmiger in die Kurven gehen als die neueren Silberpfeile, mag der Üstra-Sprecher ebenfalls nicht bestätigen. „Das hören wir immer wieder von betroffenen Anwohnern, aber die Anordnung der Drehgestelle ist bei beiden Modellen gleich, und unsere Messungen zeigen hier keine Unterschiede.“ Das Verkehrsunternehmen stehe „vor einem Rätsel“, warum die Bürger den Lärm der beiden Modellreihen so unterschiedlich wahrnehmen würden – vielleicht spiele hier die Psyche in Hinblick auf die Wahrnehmung von alt und neu eine Rolle. Große Hoffnungen mag Iwannek auch nicht mit Blick auf die nächste Stadtbahn-Generation der TW-3000-Züge schüren, die in Hannover ab 2013 nach und nach eingeführt werden sollen: „Es wäre nicht redlich, hier bahnbrechende Verbesserungen zu versprechen.“

So bleibt Bult-Bewohner Hartung nur die Gewissheit, dass er zumindest werktags zwischen kurz nach eins und vier Uhr morgens nicht von metallenem Kreischen aus dem Schlaf gerissen wird – dann nämlich verkehren vor seinem Haus keine Stadtbahnen. Zu Demonstrationszwecken aber, jederzeit abrufbar, hat der 69-Jährige ein paar Originaltöne ins Internet gestellt; wer auf der Plattform von „You Tube“ den Begriff „Quietschende Üstra“ eingibt, bekommt ein eindrucksvolles 15-Sekunden-Video zu hören. Auf der anderen Seite verspricht die Üstra, sich der Beschwerden von Anwohnern – auch an anderen problematischen Kurven – weiter annehmen und so gut wie möglich helfen zu wollen. Erste Adresse sei hier die Telefon-Hotline 1668-0.

Anmerkung des Webmasters: Dieser Artikel betrifft nicht die Thematik des D-Tunnels direkt, wohl aber womögliche Auswirkungen der geplanten oberirdischen Strecke in der Innenstadt, besonders mit der Doppelkurve vor der Ernst-August-Galerie.

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