Ich höre immer wieder, dass es eine »Renaissance der Straßenbahn« gibt.

Niederflurbahn in Bordeaux
Niederflurbahn in Bordeaux

Das gerne angeführte Schlag­wort der »Renaissance der Straßen­bahn« schürt die Vermutung, dass man sich wieder seit einigen Jahren auf oberirdische Stadt- und Straßen­bahnen besinnt. Gerne werden dabei aktuelle Beispiele aus franzö­sischen Städten wie Lyon, Straßbourg oder Bordeaux (siehe Foto) angeführt. Jedoch gibt es mehrere Punkte, warum sich solche Beispiele nicht 1:1 auf Hannover übertragen lassen.

1.: Die genannten Städte sind oftmals nur halb so groß wie Hannover, brauchen deshalb ein kleineres Netz, haben geringere Verdichtungs­flächen im Stadt­zentrum und müssen letztlich auch deutlich weniger Fahrgäste pro Tag befördern.

Es gibt außerdem Städte, die sich aus technischen Gründen gegen den U-Bahn Bau entschieden haben. In diesen Fällen macht ein sandiger oder morastiger Unter­grund entsprechende Baumaß­nahmen sehr schwierig und damit auch teuer. Zu diesen zählen u. a. das genannte Bordeaux, aber auch Gothenburg in Schweden, Bangkok in Thailand oder Vancouver in Kanada. Die beiden letzteren haben dann schließlich ein System von aufgeständerten Hochbahnen eingeführt, weil auch dort eine ebenerdige Straßenbahn nicht leistungsstark genug sein würde. Derartige bautechnische Probleme gibt es bei uns aber nicht.

Andernorts wurden in den letzten Jahren tatsächlich neue Straßenbahnen auch in großen Metropolen etabliert. Dies gilt z. B. für London, Paris oder eben auch Lyon. Allerdings dienen diese nur als Ergänzung der bereits vollständigen Metro-Systeme in den Außen­bezirken oder auf weniger stark frequentierten Quer­verbindungen. Niemand käme dort auf die Idee, Straßen­bahnen als gleichwertigen Ersatz für U-Bahnen zu betrachten oder deshalb den Bau von Unter­grund­linien einzustellen.

2.: Fast jede Stadt hatte die Möglichkeit, von Grund auf ein neues Straßen­bahn­konzept zu erarbeiten, nachdem es in den 1970er und 1980er Jahren massive Probleme mit Bussen und Autoverkehr gegeben hat. Durch städte­bauliche Veränderungen konnten diese Probleme gemildert werden. Außerdem wurde der motorisierte Individual­verkehr massiv beschnitten zugunsten der neuen Straßen­bahn-Trassen. Zu der Zeit, als andere Städte also noch mit inner­städtischem Wildwuchs zu kämpfen hatten und die Lösung eines neuen Systems nahe lag, war das Stadtbahnnetz Hannover schon im Ausbau und erfolgreich eingeführt.

3.: Die genannten Städte konnten somit von Grund auf ein Nieder­flursystem wählen, weil es vorher nichts anderes gegeben hat (entweder Busse oder ältere Straßenbahnen). In Hannover ist durch die Jahre hinweg ein U-Bahn-ähnliches System mit Hochbahn­steigen gewachsen, dass durch Niederflur-Forderungen ein inkompatibles System hinzubekommen würde.

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